Online-PR-Interview mit Jan Westerbarkey

Jan Westerbarkey

Jan Westerbarkey im Interview: Online-PR bedeutet vor allem Reichweite und Schnelligkeit. Und in zweiter Linie auch Rückendeckung für die aktiven Mitarbeiter.

Jan Westerbarkey ist der erste, der sich den zehn Fragen des Online-PR-Interviews stellt. Der Familienvater ist im Social Web sehr umtriebig unterwegs. Seit längerem ist er ein gerne gelesener Kontakt des Autors auf zahlreichen Social-Media-Plattformen.

Wer bist Du und was machst Du beruflich?

Ich heiße Jan Westerbarkey, bin Familienvater und arbeite als solcher in leitender Funktion in einem Familienunternehmen. Und dies alles in OWL, als Begriff für Ostwestfalen-Lippe – einer Region mit vielen Hidden Champions; klassischerweise eher pr-verschlossen.

Mich reizt an diesem Interview daher auch der Spagat zwischen notwendiger Offenheit und Management-nach-Gutsherrn-Art. Als Unternehmen in der vierten Generation ist es meine Aufgabe, dass wir uns attraktiv und fit für die Generation Y präsentieren. Häufig sind ja Familienunternehmen auch stark von der Persönlichkeit oder Leitfigur des Unternehmers bestimmt. So wie man dies aus der TV-Werbung für Kaffee oder Kindernahrung kennt, in denen der Familienpatriarch mit seinem guten Namen wirbt.

Lange Zeit war nicht unbedingt vorbestimmt, ins eigene Unternehmen einzusteigen. Es war auf jeden Fall der Wunsch unserer Eltern, eine möglichst breite und internationale Ausbildung zu erhalten. In diesem Zusammenhang denke ich gerade darüber nach, wie bspw. PR in Spanien oder Frankreich belegt ist.

Was hast Du vor zehn Jahren beruflich gemacht?

Es sagt sich so leicht: Die Zeit war eine andere. Sicherlich war sie nicht so kennzahlen- und prozessoptimiert wie heute. Auch das Thema Digitale Reputation, Social-Media-Guidelines oder Social-Media-Monitoring gab es nicht auf dem Radar.

Es war die Zeit des neugierigen und experimentellen Handelns. Erlaubt war, was textlich und/oder bildlich gefiel. Journalisten kamen zu Kamingesprächen, die Nutzung vorgefertigter Textschablonen war nicht so verbreitet. Verbands- und Lobbyarbeit war noch nicht so bedeutend, alle Parteien haben einander (noch) zugehört.

Die digitale Welt bringt Zitate aus vergangenen Perioden ans Tageslicht. Dinge, die man heute anders anpacken oder nicht mehr so formulieren würde. Tatsächlich war es die Zeit der ISO-Zertifizierungen und der Nachhaltigkeitsberichte und jedes Unternehmen war bemüht im Briefkopf sein QS-Zertifikat zu führen. Heute: Old School, Selbstverständlichkeit und eher peinlich damit zu werben. Derzeit prägen Schule-Wirtschafts-Kooperation und Vereinbarkeit von Beruf-Familie das Bild.

Wie würdest du deine beruflichen Stärken in drei Worten beschreiben?

Empathie: Unter den Aspekten Menschlichkeit, soziale Nähe und Fürsorgepflicht menschelt es, trotz aller elektronischer Automatisierung, tagtäglich bei uns. Wer gemeinsame Werte lebt, muss sie auch vorleben – mit allen Irrungen und Wirrungen u. a. im PR-Bereich. Niemand ist gezwungen, sich im Namen des Unternehmens in den (sozialen) Medien einzubringen, es wird aber gern gesehen.

Langer Atem: Familien-Unternehmen denken in Generationen. Das bedeutet nicht Stillstand oder Blockade. Aber häufig werden betriebswirtschaftliche Wandlungen einvernehmlich umgesetzt. Mit Fingerspitzen-Gefühl statt Spitzhacke. Daher sollten Berater, jeglicher Art, bei Mittelstandsfirmen auch nicht gleich verzweifeln und auf Beratungsresistenz tippen.

Netzwerken: Während in der Oberstufe TEAM für „Toll ein anderer macht’s“ bei Gruppenarbeiten stand, ist im heutigen Berufsumfeld nicht mehr der Alleinkämpfer, sondern die Gruppe mit ihren Ideen und Anregungen oder Wünschen gefragt. PR wird zum Gemeinschaftskunstwerk, es zeigt das wahre, ungeschönte Gesicht.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus?

Zunächst sichten der eigenen elektronischen Nachrichten sowie Durchsicht der Briefpost im Sekretariat. Eventuell gefolgt von einer Besprechung oder dem Betriebsrundgang und Aufnahme von Entwicklungs- und Optimierungsaufgabenstellungen. Eigentlich baugleich beim Aufenthalt an anderen Unternehmensstandorten.

Grundsätzlich sind maximal 40 Prozent der Tagesaufgaben fest planbar, die Delegation an interne oder eben externe Dienstleister gewährleistet fristliche und prioritätsdefinierte Umsetzung. Sehr entscheidend für die Wahl eines PR-Partners sind seine Referenzen und sein Leumund in der Branche.

Immer häufiger verschwimmt die Grenze Arbeit-Freizeit, so auch in diesem Fall, denn das Interview entstand auf einer Zugfahrt.

Die Optionen des internen Wikis und des Datenwolkenarbeitens sind prima – zumal die besten Einfälle nicht unbedingt bei der Arbeit, sondern beim Sport, Duschen oder Rasen mähen entspringen.

Was bedeutet Online-PR für dich?

Vor allem: Reichweite und Schnelligkeit. Und in zweiter Linie auch: Rückendeckung für die aktiven Mitarbeiter.

Aus Eigeninteresse in der Kindererziehung und auch in der Wissens-Weitergabe an neue Mitarbeiter und Azubis: Suche nach Dialog- und Meinungsaustausch. Nur wer bereits intern eine breit getragene und mehrheitlich akzeptierte Position vorweisen kann, kann eine öffentliche Position solide vertreten. PR hat mit Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu tun. Alleingänge sind als solche zu kennzeichnen.

Neben der Reichweite gerade von Online-PR ist auch der Multimedia-Mix entscheidend. Welche Sinne oder Gefühle sollen angesprochen werden? Ist es gar ein internationales Thema mit Aufruf-Charakter? Oder gibt es schon elegante Umsetzungen in anderen Branchen?

In immer stärkerem Maße kommt der Open-Source-Aspekt in der Online-PR zum Tragen: Manche Themen haben Stellvertretercharakter und sind Aufruf zur Meinungsabfrage ohne direkten Hinweis aufs Unternehmen.

Welche Lösungen bietest Du in Sachen Online-PR?

Aus unserer Sicht wandeln wir das Anbieten ins Nutzen. Wir nutzen Newsletter-Verteiler und deren Streuwirkung genauso wie PR-Portale zur Postfachabholung der Nachrichten durch Fachredakteure.

In zunehmender Anzahl kommen auch Foren und Online-Gemeinschaften mit namentlich registrierten Benutzern zum Einsatz, da diese ihren Mitgliedern vielfach Themen-Abos anbieten.

Ob auch zukünftig im Gleichstand zwischen Push- und Pull-Angeboten bedient wird, hängt davon ab, welche Kanäle im CI und Branding als quasi authorisiert auftreten können.

Gespannt verfolgen wir die Möglichkeiten der sozialen Suchergebnisse und bspw. der Kennzeichnung der Google-Autorenschaft. Auch Unternehmen werden ein Stück weit zum Fachverlag. Aber eigentlich nicht, weil dies zu ihren Kernkompetenzen zählt, sondern vielmehr da eine solche Paket-Dienstleistung nicht angeboten wird. Merke: Man sollte auch den Rückkanal von PR-Kommunikation bedienen können.

Worauf sollten Unternehmen bei der eigenen Online-PR achten?

Ebenso wenig wie es den geborenen Redner gibt, gibt es den geborenen Schreiber. Die Gelegenheiten und die Freiräume schaffen den Experten mit Medienkompetenz.

Es gilt, die Rahmenbedingungen für PR-Engagement aufzuzeigen und Mittel zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig ist wahres Storytelling auch ohne den perfekten Satzaufbau mitreißend und nachhaltig überzeugend. Es ist meines Erachtens immer eine solide Idee, die Maßnahmen der Marktbegleiter zu studieren. Welche Wege oder Kanäle sind besonders erfolgversprechend? Welche Frequenz und welches Schaltungsumfeld ist für die Zielgruppe passend?

Übrigens müssen die ersten Schritte nicht ein Vermögen kosten. Dieses sollte man sich für den PR-Traumpartner aufsparen, den man aber erst findet, wenn man weiß, was möglich ist und seine Ansprüche artikulieren kann. Selbst wer erst jetzt mit Online-PR startet, ist keinesfalls zu spät, genauso wie die eigenen Mitarbeiter aus dem privaten Umfeld immer mehr Skills mitbringen.

Woran arbeitest Du momentan?

Wenn Microsoft einen Microblogging-Dienst und Facebook eine Kamera-Bilder-Ergänzung aufkauft, zeigt dies zwei Aspekte: (a) nahtlose Integration und (b) einheitliche Bedienung.

Und genau an diesen Aspekten arbeiten wir intern; an der Schnittstellen-Inhalte-Definition und der aus- und eingehenden Kommunikations-Oberfläche. Ebenso ist die (langzeit-)kontextbezogene Archivierung ein Thema, um Lernpfade zu prägen und Lernkurven zu ermöglichen.

PR ist zu wichtig, um sie den Gezeiten und Untiefen des Webs zu überlassen. Auch Gärtnertätigkeiten rund um historische Artikel sollen demnächst dazu gehören. Und, obwohl Technik und Umfeld schnelllebiger werden, soll Ruhe durch eine vertraute, einheitlich befriedete Bedienung hinein kommen.

Spannend sind alle Aspekte der Bewertung und Kommentierung durch Leser sowie die Checklistenerhebung von Schritten in Krisen-Kommunikations-PR.

Was tust Du abseits des Online-Lebens gerne?

Mich auf neue Dinge und Situationen einlassen! Als Kontrastprogramm auch gern lesen und ganz analog mit Füller und Papier strukturieren.

Natürlich auch das Durchleben und den Perspektivwechsel von Kinderträumen: Lego, Zoo, Tretboot, 10-m-Sprungturm usw. mit dem eigenen Nachwuchs. Mit all seinen Konsequenzen wie bspw. den Einbau von Kinderzeichnungen in öffentliche Vortragsfolien oder Rollenspiele, die auch mir (verspätete) Einsichten ermöglichen.

Das jugendliche Hinterfragen von Fakten und gewohnten Regeln ermöglicht die zeitnahe Korrektur im beruflichen Auftritt. Dies ist ein lebenslanger Aha-Verlauf, den ich auch nicht missen möchte.

Ich lerne gern aus Erzählungen und Beispielen, daher liebe ich Barcamp-Veranstaltungen. Die Wahl zwischen unentdecktem Genie oder gemeinsamem Erkenntnisgewinn habe ich auch in der Freizeit mit dem Gemeinschafts-Erlebnis gewählt.

Wer und was inspiriert Dich – egal ob privat oder beruflich?

In der Jugend schwärmte ich für Bill Gates und Adobe Pagemaker. Dies hat sich heute in Richtung Open Office und Open Source gewandelt. Unsere Hochzeitsbilder hatten wir im Format CD-i abgelegt, für dessen Darstellung es heute weder Hard- noch Software mehr gibt.

Meine Erkenntnis: Vorbilder wechseln nach Lebensphase und 60-Prozent-Resultate sind mir lieber als 100-Prozent-Lösungen. Gute Technologie lässt sich nicht in die Ewigkeit übernehmen.

Für ältere Generationen wünsche ich mir mehr Medienkompetenz und keine notorische Social-Media-Ablehnung. Für die jüngeren Jahrgänge das Wissen um Lernwerkzeuge und Informationskompetenz. Damit auch zukünftig dem Fachbuch mehr als dem Internet geglaubt wird. Und Werbung und Fakten ganz klar als solche unterschieden werden können.

Gerade in prägenden Kindheitsphasen würde ich mir deutsche Helden anstatt japanische Monster-Heros wünschen, weil sich sonst bereits die Eltern-Kinder-Generation nicht mehr versteht. Und gemeinsames Verstehen ist Grundlage von Kultur. PR-Meisterschaft findet hier ihren Grundstein.

Vielen Dank für das interessante Interview aus Sicht des Unternehmers.

Im Internet ist Jan Westerbarkey hier zu finden:

Webseite: http://www.westaflex.com/jwd
Twitter: westerbarkey
Facebook: http://www.facebook.com/jwesterbarkey
Google+: http://plus.google.com/112933995156592139427

Jan Westerbarkeys Social Stream:

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Kategorie: Online-PR-Interview

Über den Autor ()

Matthias ist der Gründer des Social-Media-Presseportals Pressehof. Er beschäftigt sich mit allen Themen rund um die Online-PR. Dazu zählen Social Media, Unternehmenskommunikation, Text, Bild, SEO-Grundlagen sowie Web- und Mobile-Apps. Im weiteren Sinn auch die allgemeine Entwicklung des Internets und seiner verschiedenen Zielgruppen.

Kommentare (2)

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Hier wird der Artikel erwähnt

  1. Interview – mit mir und über mich. :) | nom nom! | 23. September 2012
  1. TweeToo sagt:

    Dieser schöne Satz könnte schon fast in eine Zitatesammlung übernommen werden:

    „Meine Erkenntnis: Vorbilder wechseln nach Lebensphase und 60-Prozent-Resultate sind mir lieber als 100-Prozent-Lösungen. Gute Technologie lässt sich nicht in die Ewigkeit übernehmen.“

    Viele Grüße und vielen Dank für das tolle Interview

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